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2. September 2014
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  Reinhard: Mit dem Fahrrad durch Madrid
 
 
 
Corinna W.
Studium der Politikwissenschaft und Philosophie abgeschlossen. Glücklich in Madrid gelandet.


Als Reinhard Lamsfuss vor 17 Jahren nach Madrid kam, ging ihm vor allem eines ab: das Fahrradfahren. In den monatlich stattfindenden Bicicríticas und in seinem Verein Pedalibre kämpft er deshalb für ein fahrradfreundlicheres Madrid. Warum er Madrid trotzdem mag, welchen Vorurteilen er begegnet ist und wen man auf den Bicicríticas trifft, erzählt er im Interview.

(Corinna W.) -

Reinhard Lamfuss samt Fahrrad

Seit wann lebst du in Madrid und was hat dich hier verschlagen?

Hierher geschlagen hat mich mein Studium, weil ich romanische Philologie mit Schwerpunkt Hispanistik studiert hab und mir am Ende des Studiums der Auslandsaufenthalt fehlte, den wollte ich nachholen. Ich sah es außerdem als gute Gelegenheit an, Arbeit in Spanien zu suchen. Ich hab zunächst als Deutschlehrer begonnen und bin dann in den Übersetzungsbereich gegangen.

Und war es zu Beginn eine große Umstellung für dich in Madrid zu sein?

Mhm, es ist ein anderes Land, aber immer noch Europa, mir fiel aber auf, dass hier viel mehr improvisiert wurde und alles weniger nach formellen Gesichtspunkten ablief. Das war damals ein großer Vorteil, was ich mittlerweile nicht mehr unbedingt so sehen würde.

In Madrid war es leicht für dich einen Freundeskreis aufzubauen?

Ja, also das muss ich sagen, ist ein Vorteil an Spanien, wenn man aufgeschlossen ist, wird man sehr schnell integriert. Das ist angenehm an der spanischen Gesellschaft, dass die meisten sehr kontaktfreudig und gesellig sind, das kann ich von meiner Heimatstadt, Münster, nicht sagen, da sind die Leute mehr in ihren eigenen vier Wänden und tauen schwer auf. Quer durch alle politischen und gesellschaftlichen Färbungen ziehen sich in Madrid bestimmte Verhaltensweisen durch, zum Beispiel, dass man auf Festen nicht sofort über Arbeit spricht, das finde ich etwas ermüdend. Man kann ja ein Gespräch auch anders anfangen.

Und hast du auch viele deutsche Freunde hier?

Na ja, ich habe einige, aber das Kriterium dabei ist nicht, dass sie Deutsche sind, das war purer Zufall, die gehörten irgendwann zu der Clique dazu. Aber ich suche das nicht unbedingt, ich war nie in irgendeinem Verein für Auslandsdeutsche in Madrid. Ich hab zwar mal eine Veranstaltung besucht, aber da merkte ich sofort, dass meine Perspektive eine andere ist. Das sind Leute, die oft von Firmen hergeschickt worden und die führen dann eine Art Insel-Dasein, weil sie wissen, dass das befristet ist. Die suchen dann auch eher Kontakt zu anderen Deutschsprachigen. Aber meine Perspektive hier ist eine andere, ich lebe hier dauerhaft, fühle mich integriert und nicht als Fremder.

Mit Vorurteilen bist du nie konfrontiert worden?

Ja, so Klischees, dass wir Deutschen pingelig und quadratisch sind, so ein bisschen pedantisch, dass ist dann aber nur bei Leuten, wo man dann merkt, dass die nicht so interessant sind, die lässt man dann mal und wechselt den Gesprächspartner. Aber diese Vorurteile sind zum Teil Restbestände, die keine so große Rolle mehr spielen. Manche Vorurteile bestätige ich dann auch ganz gerne, zum Beispiel die Tradition Dinge systematisch anzugehen, vor allem auch Wirtschaftsabläufe, da kann ich auch Vorteile darin sehen.

Du hast vor in Madrid zu bleiben?

Ja, im Moment noch, nicht für immer, ich kann mir auch vorstellen in anderen Teilen Spaniens zu leben oder nach Deutschland zurückzukehren, allerdings nicht nach Münster oder Freiburg, wo ich her bin. Wenn man sich an die Großstadt gewöhnt hat, ist das schwer, Hamburg oder Berlin, das ginge vielleicht noch.

Und was gefällt dir an Madrid?

Vor allem die Menschen, die relative Lockerheit der Leute, dann die Naturräume rund um Madrid, das Gebirge, die umliegenden Provinzen, da ist man schnell in der Natur. Und das Ambiente beim Ausgehen natürlich.

Und hast du irgendwas vermisst aus Deutschland?

Vermisst hab ich das Fahrradfahren, aber das hab ich jetzt nachgeholt. Und das man mit dem Fahrrad fahren kann, ohne als komischer Vogel angesehen zu werden, was hier immer noch so ist. Oder das man das Fahrrad nehmen kann und in 20 Minuten im Wald ist, aber gut, das ist in Deutschland auch nur in Mittel- und Kleinstädten der Fall. Also vermissen könnte ich jetzt so direkt nicht so sagen.

Das Fahrrad spielt ja nun auch in Madrid für dich eine große Rolle, wo du auch regelmäßig bei den Bicicríticas mitfährst. Inwieweit bist du mit der Alternativszene in Madrid sonst vertraut?

Also ich bin da schon einigermaßen vertraut, weil ich in einem Verein aktiv bin, der eine Abspaltung von Ecologistas en Acción ist. Ecologistas en Acción ist ein Umweltschutzverband, aus dem ist ein Fahrradverein hervorgegangen, der zwei Seiten hat: einmal Aktivitäten rund um das Fahrrad zu organisieren und dann politische Forderungen, was die Gestaltung des urbanen Raums und die Möglichkeit das Fahrrad als Verkehrsmittel ernsthaft zu nutzen. Die Organisation nennt sich Pedalibre und hat einen institutionellen Rahmen. Die Bicicrítica ist eher eine diffuse Bewegung, wo viele von uns mitmachen und einmal im Monat zeigen, dass wir die Nase voll haben und es auch anders geht.

Wobei es in den Bicicríticas nicht allein um das Fahrradfahren geht, sondern um die generelle Rückeroberung von urbanem Raum. Was sind die politischen Ziele?

Das ist schwer zu sagen, es ist keine Organisation, das heißt, es gibt niemand die Leitlinien vor und die politischen Ziele richten sich nach dem Slogan des Erfinders der sagte: “Use it daily, celebrate it monthly”. Aber es werden auch andere Slogans gerufen, die die Abgase der Autos thematisieren Es ist auch ein gesellschaftliches Ereignis, weil man auch viele Freunde wieder trifft und Freunschaften schließt, eine festlich-spielerische Veranstaltung mit einem engagierten Touch.

Sind die Bicicríticas angemeldet?

Nein, hier in Madrid nicht, da herrscht völlige Anarchie, wenn wir das anmelden würden, würden sie uns irgendwo außerhalb ein Areal zur Verfügung stellen, wo wir dann rumfahren können wie im Zoo, wir würden außerdem die Sichtbarkeit verlieren. Deshalb fahren wir durch bloße Verabredung, immer am letzten Donnerstag im Monat, um 20 Uhr bei Cibeles. Unser Ziel ist ja den anderen BürgerInnen zu zeigen, dass man sich anders in Madrid bewegen kann. “Otro Madrid es posible”, und zwar jetzt sofort. Viele Leute haben ja auch Angst, weil es keine Fahrradwege gibt, aber wenn wir Präsenz zeigen und immer mehr werden, nimmt das manchen vielleicht auch die Angst. Das ist ja auch ein Lernprozess, sich in der Großstadt mit dem Fahrad zu bewegen. Es geht darum von seinem Recht Gebrauch zu machen in der Stadt mit dem Fahrrad zu fahren und nicht mehr als Außenseiter oder Verrückter gebrandmarkt werden zu wollen. Da gibt es eine Reihe mentaler Widerstände das Fahrrad als Verkehrsmittel anzusehen.

Und wie organisiert sich die Bicicrítica?

Zum einen über Email-Listen, zum anderen über Mund-zu-Mund- Propaganda. Es gibt ein paar Leute, die die erste Geige spielen, aber in Prinzip kann das jeder sein. Das sind auch oft Leute, die die Abschlussparty in einem centro social ocupado organisieren, das gehört aber nicht zwingend dazu.

Das heisst es gibt eine Reihe politischer Forderungen, es geht nicht nur ums Fahrradfahren allein?

Ja, das überlappt sich, die Bicicrítica ist ein Auffangbehälter für viele Forderungen, was das Leben in der Stadt angeht und da findet alles mögliche Unterschlupf. Ich sehe darin halt vor allem Umweltschutz und Fahrradfahren, aber andere sehen die Bicicríticas als Anti-System-Verhalten an und die plakatieren durch das Fahrradfahren ihre Gegnerschaft zum System. Zum Beispiel um den Öl-Industrie und damit zusammenhängend die Petro-Kriege zu boykottieren. Andere sehen das nicht so, aber es findet alles Platz da und harmoniert auch, das sind Sachen, die sich nicht unbedingt ausschließen. Vielen sind die besetzten Häuser egal zum Beispiel, aber die fahren da hin um Bier zu trinken. Es sind auch Manager, Selbstständige oder Ingenieure dabei, die sehr bürgerlich leben. Es ist eine bunte Veranstaltung, wo sich jeder den Aspekt für sich raussuchen kann.

Glaubst du, dass die Vielfalt eher Stärke oder Nachteil der Bicicritica ist?

Die Stärke liegt auf jeden Fall in der Vielfalt, weil eine einheitliche Stossrichtung, Organisation können wir gar nicht haben, weil wir keine Organisation sind, aus rechtlichen Gründen. Es gibt keine Verantwortlichen oder Rädelsführer, es läuft alles spontan, weil sonst von den Behörden zugegriffen werden könnte, wenn es ihnen zu bunt wird. Mittlerweile wäre das allerdings schon sehr schwer, weil auch schon ältere Leute und Familien mit Kindern mitfahren und die Polizei sich das stark überlegen wird, ob sie da mit Schlagstöcken und Sondereinheiten eingreift. Bisher kooperiert die Polizei allerdings mit uns, sie sind da realistisch und wissen, dass dies nur mehr Probleme bringen würde, vor allem weil auch keine Gefährdung von uns ausgeht. Sie ist bisher vor allem damit beschäftigt aufgebrachte Autofahrer zu beruhigen.

Und wie sind die Reaktionen der Leute?

Da gibt es zweierlei. Von den Autofahrern sind die meisten amüsiert und fragen sich, was das ist da und dann gibt es eine Minderheit von Autofahrern, die durchdreht, die weiter wollen und das nicht einsieht, dass RadfahrerInnen, da den Weg versperren, obwohl für sie grün ist. Aber die Mehrheit ist amüsiert und sympathisiert mit uns oder feuern uns hupend an.

Danke für das Gespräch.

Für weitere Informationen zur Bicicritica und Radfahren in Madrid:

Bici Crítica

Pedalibre

Corinna W.
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