Werbung Madrid
1. November 2014
Ihre Zeitung Aktuelles aus Spanien Wissenswertes
  Besser als gedacht: Das spanische Gesundheitssystem
 
 
 
Justin Pietsch
Als Madrid-Beobachter aus Deutschland grübelt der ehemalige Erasmusstudent über Leben und Leute in der grossen Stadt.


Krank in Spanien - was nun? Welche Möglichkeiten habe ich, mich in Spanien zu versichern? Und an wen wende ich mich, wenn ich nicht versichert bin, aber trotzdem medizinische Hilfe benötige? - Alles halb so wild, wenn man sich ein wenig im Gesundheitssystem auskennt.

(Justin P. für MadriderZeitung.com) -

Ein leuchtendes Kreuz signalisiert die nächste Apotheke.

Zwei von drei Spaniern sind mit dem spanischen Gesundheitssystem zufrieden – das ist nicht verwunderlich, denn das hiesige Gesundheitssystem ist entgegen einiger Vermutungen ziemlich gut. Hier hat jeder das Recht auf gesundheitliche Versorgung - selbst illegale Immigranten sind berechtigt, die medizinischen Leistungen in Anspruch zu nehmen, denn so schreibt es die Verfassung von 1978 vor. Knapp 95 Prozent der Bevölkerung greifen auf diese Form der Gesundheitsversorgung zurück, lediglich Freiberufler und Selbstständige versichern sich komplett privat.

Die Kosten der staatlichen Gesundheitsversorgung trägt der Staat, das System wird somit aus Steuergeldern finanziert. Die staatlichen Gesundheitsausgaben waren 2005 mit etwa 50 Mrd. Euro oder 5,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) relativ gering. Zum Vergleich: Die Ausgaben in Deutschland betrugen 2005 etwa 240 Mrd. Euro oder umgerechnet etwa 10,5 Prozent des BIP. Hier sind allerdings bereits sämtliche Ausgaben einbezogen, also auch die der Privatversicherungen – ein direkter Vergleich mit dem spanischen System und dessen Gesundheitsausgaben ist also mit diesen Zahlen nur eingeschränkt möglich.

Bei Beschwerden ins Centro de Salud

In Spanien spielen private Versicherungen keine so grosse Rolle wie in Deutschland. Die meisten Spanier suchen bei Gesundheitsbeschwerden oder zur Vorsorge ein Centro de Salud auf, das in jedem Einzugsgebiet von 5 000 bis 25 000 Einwohnern zu finden ist. Hier ist die Behandlung für jeden kostenlos. Die Nachteile sind dabei lange Wartezeiten, Überbelegung und Ärzte mit wenig Zeit für die Patienten.

Im Krankheitsfall hilft der zuständige Hausarzt im Centro de Salud, auf den man sich zuvor festgelegt hat. Dieser stellt die Diagnose und verweist, wenn nötig, an einen Facharzt. Auch diese Spezialisten befinden sich häufig im staatlichen Centro de Salud, allerdings sind Wartezeiten von mehreren Wochen oder Monaten die Regel, da speziell die Fachärzte extrem überlastet sind. Als Schlupfloch dient hier die Notaufnahme: Viele Spanier greifen bei Beschwerden auf diese Möglichkeit zurück, um sich behandeln zu lassen und die langen Wartezeiten zu vermeiden.

Zahnbehandlungen trägt das staatliche Versorgungssystem nur rudimentär: Lediglich das Entfernen von Zähnen wird hier übernommen, weitere Leistungen, darunter der Zahnersatz, müssen Patienten aus eigener Tasche bezahlen, wenn sie keine private Zusatzversicherung abgeschlossen haben. Auch den Augenarzt deckt das staatliche Gesundheitssystem nicht ab.

Eine private Zusatzversicherung bietet viele Vorteile

Viele Spanier haben daher eine private Zusatzversicherung abgeschlossen. Dabei kann zwischen verschiedenen Angeboten und Gesundheitspaketen gewählt werden, wie in Deutschland auch. Der entscheidende Unterschied: Die privaten Krankenkassen haben Verträge mit verschiedenen Privatärzten, an die der Versicherte sich wenden kann. Freie Arztwahl ist damit also nur bedingt gegeben. Dennoch lohnt sich eine solche Zusatzversicherung, nicht nur bezüglich der Kostenerstattung bei Zahnersatz oder neuer Brille: Die Wartezeiten bei Privatärzten sind meist sehr kurz, und auch kurzfristige Termine sind kein Problem.

Medikamente müssen in Spanien anteilsmässig selbst bezahlt werden: 40 Prozent der Kosten für Medikamente müssen Spanier zuzahlen, chronisch Kranke tragen lediglich zehn Prozent, Rentner sind von der Zuzahlungspflicht befreit. Dafür kosten die Medikamente häufig bloss einen Bruchteil dessen, was deutsche Apotheken verlangen.


Homepage der Deutschen Botschaft Madrid
Näheres zur Organisation des Gesundheitssystems

Justin Pietsch
Kommentar hinzufügen
Kommentar hinzufügen
  1 Kommentar / 1 Nachricht.
  Immigranten als Übungsobjekte von Zahnmedizin-Studenten?
  14. Dezember 2008 00:46, von K. Neumann
  -

Ein Freund von mir, Immigrant aus Kamerun, ist heute auf sehr unerfreuliche Weise in den Genuss der "staatlichen Gesundheitsfürsorge" gekommen:

Ihm fehlen die beiden oberen Schneidezähne, und eine der "Asociaciones", der Verbände, die sich um die Belange von Immigranten, die noch keine Aufenthaltsgenehmigung haben, kümmern, hatte ihn an eine Klinik vermittelt, damit ihm dort eine Prothese gemacht werden sollte.

Der Termin wurde auf heute, Samstag, angesetzt. In der Klinik angekommen, warteten dort bereits viele andere Immigranten auf eine Behandlung. Als die Reihe an ihn kam, sah sich mein Bekannter nicht etwa einem Zahnarzt, sondern einer Gruppe von Studenten der Zahnmedizin gegenüber. Man erklärte ihm schlichtweg, einer seiner Backenzähne sei nicht mehr gut, und man werde ihm ihn ziehen.

Mein Bekannter wunderte sich sehr, da er bisher mit diesem Zahn nie auch nur die geringsten Probleme gehabt hatte und da er auch gesund aussah, aber da man ihm versicherte, es sei notwendig, ließ er es schließlich geschehen. Der Zahn saß wohl sehr fest, und eine große Wunde musste zu Ende der vielfältigen Operationsversuche, die volle zwei Stunden dauerte, genäht werden. Dann entließ man ihn. Auf Anfrage, wann man sich denn nun um die fehlenden Schneidezähne kümmern werde, hieß es, er werde angerufen.

Ein Schmerzmittel bekam mein Bekannter auch nicht mit, das sollte er sich in der Apotheke selbst besorgen. Als Immigrant ist er jedoch mittellos - er musste sich daher zehn Euro leihen, um sich in der Apotheke (unter Tränen aufgrund der höllischen Schmerzen) Schmerztabletten besorgen zu können.

Ich frage mich, welches Abkommen die Asociaciones, die mit der spanischen Regierung zusammenarbeiten, wohl mit solchen Zahnkliniken in Bezug auf Behandlung von Zuwanderern, die noch auf ihre Aufenthaltsgenehmigung warten, haben mögen. Für mich siehr das Ganze sehr danach aus, als ob solche Immigranten als Übungsobjekte für Zahnmedizin-Studenten auf skandalöse und menschenverachtende Weise missbraucht werden. Praktisch rechtlos hätten die Opfer später keinerlei Möglichkeit, gegen solche Praktiken vorzugehen.

Was bleibt ist Sprachlosigkeit und Ohnmacht angesichts dessen, was ich von meinem Bekannten heute erfuhr und die Hoffnung, dass es irgendwann irgendjemanden gibt, der solch seltsamen Vorkommnissen möglicherweise mal auf den Grund gehr.

Mit freundlichen Grüßen
K. Neumann

Beantworten
In der gleichen Rubrik
Besser als gedacht: Das spanische Gesundheitssystem (27.05.2008)
Röntgenärzte (17.07.2007)
Physiotherapie & Krankengymnastik (17.07.2007)
Augenärzte (17.07.2007)
Chirurgen und Orthopäden (17.07.2007)
[Gesundheit und Wellness]
Neueste Artikel
"Lebendiger Treffpunkt im Zentrum Madrids" (21.12.2010)
Wenn spanische Funken sprühen...! (21.12.2010)
La Oreja de van Gogh (21.12.2010)
Héroes del Silencio (1984 – 1996) (14.10.2010)
Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 80 bis 100 Minuten - Basketball in Spanien (27.09.2010)
[Startseite]
Sección en español
[Sección en español]

Impressum
Redakteur werden
Editorial
Kommentare
Fotos
Karriereaus für Garzón Künstler und Intelektuelle unterstützen Garzón.
Garzón deckt Verbrechen auf Ermordet im April 1939:
Videos
Die Straßen von Madrid
Tarife Werbung
Werbung




Startseite | Kleinanzeigen | Kontakt | Teilnahme an der Zeitung | Werbung

Copyright 2007-2014 MadriderZeitung.